Sprachbildung und -förderung im Kindergarten


Hundert Sprachen hat das Kind

Ein Kind ist aus hundert gemacht.
Ein Kind hat hundert Sprachen,
hundert Hände, hundert Gedanken,
hundert Weisen zu denken, zu spielen und zu sprechen.
Immer hundert Weisen zuzuhören, zu staunen und zu lieben.
Hundert Weisen zu singen und zu verstehen,
hundert Welten zu entdecken, hundert Welten zu träumen.

Loris Malaguzzi, Reggio Emilia 1985

Kinder lernen sprechen, um kommunizieren zu können. Sie möchten in Dialog mit Anderen treten – mit Worten, Blicken, Mimik, und Bewegung. Sprachlernen – egal ob in der Muttersprache oder in einer Zweitsprache - ist daher dann am erfolgreichsten, wenn die Sprache für das Kind selbst bedeutsam ist, um Bedürfnisse mitzuteilen, Beziehungen einzugehen oder Dinge zu lernen, die es gerade interessieren. Dabei verlangen Kinder nach sprachlicher Anregung durch die Erwachsenen in ihrer Umgebung und entwickeln ihre Sprache durch Beobachtung und aktives eigenes Ausprobieren. Deshalb findet Sprachbildung bei uns im Kindergarten in den Alltag eingebunden, aber nicht zufällig statt. Es ist uns wichtig, zu beobachten, welche Kinder welche sprachlichen Anregungen brauchen und diese dann gezielt in Aktivitäten einzubauen.

Alle Kinder im Kindergarten sollen lernen

  • Beobachtungen und Erlebnisse,
  • Empfindungen und Gefühle,
  • Wünsche und Bedürfnisse sowie
  • Gedanken, Meinungen und Absichten

sprachlich auszudrücken.

Der sprachliche Hintergrund unserer Kinder ist sehr unterschiedlich; er reicht von muttersprachlich deutsch sprechenden Kindern, von zwei- oder dreisprachigen Kindern bis hin zu muttersprachlich chinesisch sprechenden Kindern. Unser Sprachkonzept berücksichtigt diese heterogenen sprachlichen Voraussetzungen und ist am Bedarf des einzelnen Kindes ausgerichtet.

Um Ihnen einen kleinen Einblick zu geben, sind in der folgenden Tabelle einige Beispiele für Förderbereiche und Lernziele der Sprachbildung zusammengefasst.

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Hörverständnis

Ich kann in einem Gesprächskreis anderen Kindern und der Erzieher/in zuhören.
Ich kann verstehen was andere sagen und reagiere entsprechend.
Ich kann zuhören wenn jemand vorliest.
Ich kann einer Aufforderung folgen.

Wortschatzerweiterung

Ich kann mit Worten Gefühle ausdrücken.
Ich kann Reime erfinden.
Ich kenne ein Gedicht.
Ich kann über mich berichten.

Sprachflüssigkeit/Sprachrichtigkeit

Ich kann sagen wenn ich etwas haben oder tun möchte.
Ich kann um Hilfe bitten.
Ich kann vor anderen Kindern über meine Ideen oder Wünsche sprechen.
Ich sage beim Spielen was ich gerade tue.

Aussprache

Ich kann beim Sprechen meine Stimme variieren.
Ich mache Sprachquatsch.
Ich kann alle meine Worte klar und deutlich aussprechen.

Pädagogische Mittel und Methoden

Kinder können nur lernen wenn sie sich in einer angstfreien und vertrauensvollen Atmosphäre befinden. Deshalb legen wir viel Wert darauf mit den Kindern einen Alltag zu gestalten, der ihnen erlaubt eine positive Einstellung zur deutschen Sprache zu entwickeln und in der sie Spaß daran haben, Sprache „auszuprobieren“.

Alle Aktivitäten im Kindergarten werden von den Erzieher/innen sprachlich begleitet und sind uns ein willkommener Anlass zum Üben der deutschen Sprache. Je lebensbezogener, abwechslungsreicher, differenzierter und fantasievoller dabei die Kinder Sprache erleben, umso umfassender entfalten sich ihr Sprachverständnis, ihr Wortschatz und ihre sprachliche Ausdrucksfähigkeit. Kinder, die mit einer anderen Erstsprache als Deutsch aufwachsen und im Kindergarten nun den ersten oder zumindest den ersten intensiven und regelmäßigen Kontakt mit der deutschen Sprache haben, müssen diese für sie neue Sprache erst einmal als wichtiges Instrument entdecken, um in der neuen Umgebung Kontakte zu knüpfen und ihre Bedürfnisse vermitteln zu können.

In der folgenden Übersicht sind einige der wichtigsten Aktivitäten und Förderstrategien aufgelistet:

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Förderstrategie - Alltag nutzen

Viel sprechen und Handlungen kommentieren
Sprach-Rituale schaffen z.B. Reime die sich täglich wiederholen, Fingerspiele, Begrüßung, usw.
Erlebnisse sprachlich wiederholen
Fragen stellen, Dingen auf den Grund gehen, Pläne machen, Lösungen aushandeln

Förderstrategie - Vorlesen

Zuhören
Klare, detailreiche Bilder zeigen, erklären und verbalisieren
W-Fragen stellen und beantworten (Wer?, Wo?, Warum? Wann? usw.)
Neue Wörter einführen
Nacherzählen

Förderstrategie - Freies Spiel

Miteinander kommunizieren, sich austauschen über Wünsche, Vorhaben, und Erlebnisse
Motivation und Freude am Sprechen nutzen
Kommentieren des Handlungsablaufs
Begriffsbildung, Wortschatzerweiterung

Förderstrategie - Lieder, motorische Spiele, Reime

Kreativer Umgang mit Sprache
Geschichten erfinden, Spaßlieder oder -verse ausdenken
Bewegungen für die Darstellung von Verben erarbeiten
Lieder mit Bewegung begleiten
Rhythmische Übungen

Förderstrategie - Gezielte Aktivitäten

Erklären von Spielregeln, Arbeitsvorgängen und Abläufen
Experimentieren
Freies Sprechen üben
Ausflüge und Exkursionen zu Projekten Bastelangebote

Förderstrategie - Geräuschspiele, Hörspiele

Geräuscherkennung, Stimmerkennung
Laute hören und unterscheiden
Genau hinhören können

Kooperation Kindergarten - Familien

Ohne Sie als Eltern geht es nicht! Für eine erfolgreiche sprachliche Entwicklung ist deshalb eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Erzieher/innen Ihres Kindes besonders wichtig. Die folgenden Tipps sollen Ihnen helfen die Sprachentwicklung Ihres Kindes optimal zu unterstützen:

  • Nehmen Sie sich Zeit und sprechen Sie häufig und intensiv mit Ihrem Kind, zeigen Sie Interesse am Kindergartenalltag, fragen Sie nach was Ihr Kind erlebt hat und was es bewegt. Nutzen Sie als Sprachanregung z. B. die Fotos aus dem Kindergarten, die Sie mit dem Wochenrückblick regelmäßig erhalten.
  • Sprechen Sie daheim die Sprache mit Ihrem Kind, die Sie am Besten können und mit der Sie emotional am meisten verbunden sind – in der Regel ist das Ihre Muttersprache. Ein guter Wortschatz und die grammatikalisch richtige Handhabung der Muttersprache ist für Ihr Kind das beste Fundament für das Lernen einer weiteren Sprache.
  • Auch wenn Deutsch nicht Ihre Familiensprache ist, ist es doch wichtig, dass Sie eine positive Einstellung zur deutschen Sprache haben, nur dann wird Ihr Kind sich auch motiviert fühlen Deutsch zu lernen. Vielleicht wollen Sie auch einige deutsche Worte mit Ihrem Kind gemeinsam lernen, oder regelmäßig abends vor dem Schlafengehen ein deutsches Bilderbuch gemeinsam lesen?
  • Seien Sie geduldig –wenn Ihr Kind Deutsch als Zweitsprache lernt, zwar vollzieht sich der Prozess des „Sprache Lernens“ schneller als beim Erlernen der Muttersprache, aber um sich die zweite Sprache annährend vollständig und richtig anzueignen, braucht Ihr Kind im Schnitt mindestens 3 Jahre.
  • Freuen Sie sich auch über kleine Lernfortschritte Ihres Kindes: Deutschlernen macht Spaß!

Loris Malaguzzi schreibt in seinem Gedicht “Die hundert Sprachen des Kindes”, das Kind habe 100 Sprachen, 100 Hände, 100 Weisen zu denken, zu sprechen und zu spielen, 100 Welten zu entdecken, 100 Welten zu träumen. Uns geht es darum, diese Vielfalt der Sprachen, Gedanken, Herangehensweisen und Träume zu erhalten. Nur in einer solchen wertschätzenden Umgebung kann Ihr Kind sich unbefangen dem Erlernen der Muttersprache oder einer neuen Sprache zuwenden.

KMK

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