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IHK Wettbewerb: Schüler bauen weltweit Brücken
Projekt: Sprach- und Kommunikationskultur in China und Deutschland – ein Leitfaden für chinesische Schüler und Studenten
Zur Projektentwicklung
Nach einem Brainstorming der Schülerinnen und Schüler der Politik AG welches Projekt für diesen Wettbewerb geeignet wäre, entstand zunächst die Idee, für die Tourismusbranche in Deutschland eine Brücke zu chinesischen Touristen und Geschäftsleuten zu bauen, die zukünftig sicherlich zahlreicher nach Europa reisen werden ( z.B. Kauf des Parchimer Flughafens). Neben allgemeinen Tipps, was chinesische Gäste in ihren Hotelzimmern und beim Frühstück erwarten (z.B. Wasserkocher im Zimmer und Sojamilch zum Frühstück), wollten wir einen Beitrag im Bereich der interkulturellen Kommunikation insbesondere für die Angestellten der deutschen Hotels leisten, um Missverständnissen auf beiden Seiten vorzubeugen.
Nach einem ausführlichen Gespräch mit Frau Ludwig, der Leiterin der Außenhandelskammer in Peking, bekam die Idee der interkulturellen Kommunikation eine andere Richtung und Kontur – wir beschlossen, uns auf junge Menschen zu konzentrieren und eine Brücke zu chinesischen Schülern und Studenten zu bauen, die einen Studienaufenthalt in Deutschland anstreben. Die Projektidee eines „Leitfadens“ oder „Knigge“ war geboren!
Es begann die Kontaktaufnahme zum DAAD, zur Tongji Universität in Shanghai und des Beiwai Sprachengymnasiums in Peking um herauszufinden, ob es so einen Leitfaden bereits gibt. Die Ergebnisse waren negativ. Der DAAD hat auf seiner Homepage einige hilfreiche Tipps für Studienanfänger, die Sprachabteilung der Tongji Universität hat Module für die interkulturelle Kommunikation entwickelt, die sie eigens mit ihren Studenten durcharbeitet. Einen Leitfaden als gebundenes Büchlein gibt es noch nicht.
Im nächsten Schritt setzten wir uns mit unterschiedlichen Kommunikationsmodellen auseinander, Charakteristika interkultureller Kommunikationskompetenz (Kiel 1997) und Kompetenzentwicklung (Flechsig und Kiel). Dazu luden wir unsere chinesische Praktikantin ein. Zusammen mit ihr entwickelten wir die Inhalte für einen interkulturellen Workshop mit chinesischen Germanistikstudenten, dessen Ergebnisse in den Leitfaden einfließen werden. Hier entstand bereits ein Reflektieren der eigenen Kultur unserer Schüler, ein wichtiger erster Schritt in der Entwicklung gelingender, interkultureller Kommunikationskompetenz!
Der Fragebogen, der dem Workshop vorausgeht, dient der weiteren Information hinsichtlich Stereotypen, Vorbilder, Ziele, Erwartungen und Ängste.
Fragebogen für die deutschen und chinesischen Schüler/Studenten
- Was ist für dich typisch deutsch?
- Was ist für dich typisch chinesisch?
- Welche Ziele hast du in Deinem Leben?
- Welche Person beeindruckt dich ganz besonders? Warum?
- Wie wichtig sind soziale Beziehungen( z.B. Familie, Freunde, Bekannte) für dich? Wie knüpfst Du diese?
- Für die chinesischen Studenten: Du stehst kurz vor dem Studium in Deutschland, was erhoffst Du dir von diesem Aufenthalt? Was bereitet dir Unbehagen/Angst? Für die deutschen Schüler: Welche Ängste hattest du, bevor du nach China kamst? Was erhofftest du dir von dem Aufenthalt?
- Welche Vorbereitung/Informationen wünschst Du dir bevor Du zum Studium nach Deutschland gehst?
Workshop – Interkulturelle Begegnung und interkultureller Austausch zwischen deutschen und chinesischen Schülern/Studenten.
- Gruppenarbeit in gemischten Gruppen (ca. 20min.)
Es werden Bilder oder ein Problem vorgestellt (z.B. Wir sind auf einer Insel gestrandet) und Lösungswege erarbeitet.
Wie gestaltet sich die Gruppenarbeit? Erstes Sensibilisieren für Unterschiede.
- Kurze Einführung in die Theorie der interkulturellen Kommunikation und eines Modells für gelungene interkulturelle Kommunikation und den positiven Umgang mit der kulturellen Vielfalt.
- Kommunikations- und Sprachkultur anhand konkreter Situationen – Rollenspiele/Gespräche- Jeweils zwei chinesische und zwei deutsche Beobachter:
- Offizielle und freundschaftliche Begrüßung – Wie begrüßen sich chinesisch/deutsche Geschäftspartner/Freunde?
- Körpersprache (Mimik/Gestik) beobachten und festhalten
- Gesprächsführung anhand eines vorgegebenen Themas: z.B. Welche Probleme siehst Du im Globalisierungsprozess?
- Wortwahl, Formulierungen, Tonfall usw. festhalten
- Nonverbale Kommunikation
- Gesprächsregeln
- Umgang mit Kritik anhand einer konkreten Situation – z.B. der Schüler oder Student wird vom Lehrer/ Professor kritisiert.
- Genaue Beobachtung (siehe oben) – Austausch/Ergebnisse festhalten.
- Das soziale Miteinander – Gespräch/Austausch in kleinen Gruppen und Festhalten der Ergebnisse.
- Kennen lernen, Vorstellen, erste Gespräche, Themen
- Verabredungen – Pünktlichkeit, Geschenke
- Essen gehen, Gespräche, Humor
- Rolle der Familie
- Freundschaft, Nähe
- Mitgefühl
- Freizeitgestaltung
- Rollen/-verhalten Mann/Frau
- Privatheit/private Themen
- Das Lernen an deutschen Universitäten
- Teamarbeit usw.
- Selbständigkeit
- Umgang mit Stress – Situationen reflektieren, sich mitteilen, auf den anderen zugehen.
- Weitere Themen, die noch als wichtig angesehen werden
- Zimmersuche
- Immatrikulation
- Welche Erwartungen werden an den Leitfaden gestellt?
Rollenspiel der deutschen Schülergruppe:
Broschüre
zum Wettbewerb (311 kB)Auswertung des Workshops
Unser Workshop diente dem Kennenlernen und der ersten Brücke in der interkulturellen Begegnung.
Schon beim Simulationsspiel gleich zu Beginn (Bootsunglück und jede Gruppe darf nur 3 Gegenstände auf eine unbekannte Insel mitnehmen) wurde deutlich, dass es im Bereich der Entscheidungsfindung und Gesprächsführung einige Unterschiede bei der deutschen und chinesischen Gruppe gab.
Die chinesischen Studenten waren als Gruppe viel enger zusammen, die Diskussion verlief ruhig, präzise und die Kompromiss-/Entscheidungsfindung erfolgte recht schnell. Die deutsche Schülergruppe diskutierte viel ausführlicher und lebhafter. Angesichts des selbstbewussten Auftretens der Gruppenmitglieder untereinander gestalte sich die Entscheidungsfindung schwieriger und zeitaufwendiger. Die chinesische Beobachterin war darüber sichtlich erstaunt.
Bei dem Thema „Kennenlernen“ fiel uns auf, welch hohen Stellenwert das Handy/Mobiltelefon für die chinesischen Studenten hat, die zeitlich in ihrem doch sehr verschulten Studium sehr eingebunden sind. Erste Kontakte zu unbekannten Kommilitonen beispielsweise entstehen über eine dritte Person, die entweder den persönlichen Kontakt herstellt, oder die Telefonnummer des Kommilitonen hat. Darüber waren die deutschen Schüler erstaunt und äußerten, dass sie befremdet wären, würden sie von einer fremden Person angerufen werden. Die Direktheit beim Rollenspiel „wie spreche ich in Deutschland einen unbekannten Kommilitonen an“, führte wiederum bei den chinesischen Gästen zur Verwunderung, da sie es wohl nicht als sehr höflich ansehen, eine fremde Person unvermittelt anzusprechen.
Die darauffolgenden Rollenspiele, die das Verhältnis Schüler/Lehrer bzw. Professor/Student zum Thema hatten, machten deutlich, wie vorsichtig Kritik in China geäußert wird und wie wichtig die positive Verstärkung ist. Es wird immer darauf geachtet, dass der andere sein Gesicht wahren kann.
Unter Freizeitgestaltung verstehen die chinesischen Studenten auch etwas anderes als die deutschen Schüler. Partys werden von ihnen nicht als ideale Kontaktmöglichkeit angesehen. Weit wichtiger sind Essen gehen, der Besuch der Karaoke Bar in der Gruppe und der Gang ins Kino.
Sehr interessiert waren unsere Gäste an den Ausführungen der deutschen Schüler über das Lernen an deutschen Universitäten. In China erhält das autonome Lernen erst im Hauptstudium einen Stellenwert zu. Am Ende des Workshops formulierten die chinesischen Teilnehmer ihre weiteren Erwartungen an einen interkulturellen Leitfaden. Gefragt sind u.a. auch Hinweise über Stipendien, Studium, Zimmersuche und Krankenversicherungen. Betont wurde immer wieder wie wichtig es für sie ist, Hinweise zu bekommen, die die Kommunikation zwischen Deutschen und Chinesen zu einer gelingenden machen kann. Unser Leitfaden, an dem wir noch intensiv arbeiten werden, soll dazu einen Beitrag leisten.Das Team der Politik AG
Schüler bauen Brücken Cover.pdf
...und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben...
Hermann Hesse: Stufen
Liebe Studentinnen und Studenten, liebe Leser,
wir, die Schüler der Politik AG unter der Leitung von Frau Wolf-Pfeifer, haben uns im Rahmen eines Wettbewerbsbeitrags „Schüler bauen Brücken“ dazu entschlossen, eine Brücke von China nach Deutschland zu bauen. Einen neuen Lebensabschnitt in einem unbekannten Land zu beginnen ist zunächst nicht leicht. Viele Fragen stellen sich und das Neue bereitet neben der freudigen Erwartung auch etwas Angst. Wir haben versucht, eine Reihe von Tipps sowohl auf der menschlichen Ebene als auch auf der praktischen Seite zusammenzustellen und hoffen, damit einen Beitrag zum Gelingen des Aufenthaltes zu leisten. Viel Spaß bei der Lektüre!
Vorwort
„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Paul Watzlawick)
Wenn zwei Menschen innerhalb eines Kulturkreises miteinander kommunizieren, ist dies schon ein komplexer Prozess, da jede Botschaft eine Inhalts- und Beziehungsebene hat (P.Watzlawick).
Die Beziehungsebene einer Botschaft enthält einen Hinweis, wie der Sender seine Botschaft verstanden haben will. Kommunikation gelingt, wenn der Empfänger die Botschaft so empfängt, wie sie vom Sender beabsichtigt ist. Da die Wahrnehmung bei Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit, ihres Hintergrundes und ihrer Sozialisation sehr unterschiedlich ist, können erhebliche Missverständnisse entstehen. In seinem Kommunikationsquadrat hat der Psychologe Friedemann Schulz von Thun (Miteinander Reden, 1981) die Beziehungsebene einer Nachricht noch einmal differenziert und zwei weitere Seiten hinzugefügt, die der Selbstkundgabe und die des Appells. Die Sachebene bildet eine weitere Seite seines Quadrats. Schauen wir uns dieses Kommunikationsquadrat etwas genauer an:
Bei der Sachebene einer Nachricht steht die reine Sachinformation im Vordergrund. Sprechen die Kommunikationspartner die gleiche Sprache, entstehen in der Regel kaum Probleme. Die Beziehungsebene enthält Hinweise, wie man zu dem anderen steht. Mit der Selbstkundgabeseite einer Nachricht geben wir etwas über uns selbst Preis. Die Appellseite definiert, was von dem anderen erwartet wird. Interessant ist, dass auf der gesamten Beziehungsebene (Beziehungs-/ Selbstkundgabe-/ Appellseite) in erster Linie nonverbal kommuniziert wird. Mimik, Gestik, sprachliche Betonung (Intonation) und körperliche Nähe/Distanz sind entscheidend. In der inter-kulturellen Kommunikation kann es insbesondere auf dieser Ebene zu erheblichen Unsicherheiten und Missverständnissen führen.
Als deutsche Schülerin in den USA war ich beispielsweise verunsichert, ob ich die Frage „Wie geht es Dir?“ auf der Appellseite als Aufforderung verstehen sollte, etwas über mich und meine Befindlichkeit zu erzählen. Recht schnell wurde mir jedoch klar, dass diese Äußerung lediglich Bestandteil eines allgemeinen Begrüßungsrituals ist und mir zunächst die Kenntnis über die kulturellen Skripte (Umfelder/Kontexte) fehlte. Westliche Gesellschaften, insbesondere Deutschland, die USA, Schweiz und Skandinavien, werden als „low-context cultures“ (E. Hall, Beyond Cultures, 1976) bezeichnet.
Sie zeichnen sich durch Individualität und der Trennung von öffentlicher und privater Sphäre aus. Der Fokus liegt auf der Leistungsorientierung und dem technologischen Fortschritt. Bei der Kommunikation steht die Sachebene im Vordergrund, Botschaften werden klar und spezifisch übermittelt. Zeit wird als knappes Gut angesehen und insbesondere Geschäftstreffen werden genau geplant und organisiert (monochrones Zeitmanagement). Im Gegensatz dazu stehen „high-context cultures“ wie bspw. China, Japan und Korea. Nicht Individualität, sondern Kollektivität prägt diese Gesellschaften. Die öffentlichen und privaten Sphären vermischen sich, es wird nach einem Einklang zwischen dem Einzelnen und der Gruppe gestrebt. Diese Harmonie ist wichtiger als die Einzelmeinung oder Einzelleistung. Persönliche Freundschaftsbeziehungen sind tendenziell von größerer Bedeutung als allgemeine Regeln. Das Zeitmanagement ist nicht mono- sondern polychron (zeitliche Flexibilität/mehrere Ziele gleichzeitig).
Der Beziehungsebene, die des Kontextes bedarf, dem Herstellen von Vertrauen und der nonverbalen Kommunikation (z.B. auch Gesten) wird einen weit höheren Stellenwert eingeräumt als bei „low-context cultures.“ Höflichkeit, das Wahren des eigenen Gesichts und das des anderen, sowie die Fähigkeit herauszufinden, was der andere nicht explizit ausspricht, hat in China zur Ausbildung eines großen Appell-Ohrs geführt, so Lei Wang, chinesische Kommunikationstrainerin. (Interkulturelle Kommunikation, D.Kumbier/ Schulz v. Thun, 2006) An einem anschaulichen Beispiel hat sie ein interkulturelles Missverständnis zwischen einem deutschen und einem chinesischen Gesprächspartner dargestellt.
Auf die Frage des deutschen Gesprächspartners: „Möchtest Du einen Tee?“, antwortet der chinesische Gesprächspartner: „Nein danke, ich möchte keinen Tee.“ Analysiert man die Aussage anhand des Kommunikationsquadrats wie sie der deutsche Gesprächspartner erhält, so ist die Sachaussage: Es ist kein Tee erwünscht. Die Beziehungsbotschaft lautet: Danke für das Angebot, aber ich möchte keinen Tee. Die Selbstkundgabe offenbart: Ich möchte keinen Tee. Ich trinke nicht gerne Tee. Ich habe keinen Durst. Der Appell: Bemüh dich nicht weiter! Der deutsche Gesprächspartner wird sich nach dieser Aussage nicht weiter bemühen, da man dies in Deutschland sonst als aufdringlich und eher unhöflich empfinden würde. Anders auf der chinesischen Seite: Die Sachaussage: Nein danke, das ist viel zu umständlich für dich! Die Beziehungsbotschaft lautet: Es ist sehr lieb von dir, dass du mir Tee anbietest. Aber als Gast darf ich dich nicht mit vielen Arbeiten belasten. Die Selbstkundgabe offenbart: Einen Tee zu kochen ist viel Arbeit, es macht mich unruhig, weil du belästigt wirst. Ich bin sehr dankbar dafür, dass Du mir Tee anbietest. Ich bin ein höflicher Mensch. Der Appell: Du bist die Gastgeberin, du solltest es entscheiden! Wenn du mir gerne einen Tee anbietest, koche mir einfach einen, statt mich weiter zu fragen. Es wäre unhöflich, wenn ein chinesischer Gast die Frage nach dem Tee direkt bejahen würde. Erfolgt von deutscher Seite keine weitere Reaktion oder Handlung, kann ganz schnell das Gefühl aufkommen unerwünscht zu sein.
In der Konversationsanalyse wird der Begriff „Scripts“ d.h. Drehbücher verwendet. In der Regel kommunizieren wir nach vorgegebenen Drehbüchern ohne uns darüber bewusst zu sein. Für einen Fremden ist das Erlernen dieser sehr schwierig. Wenn wir mehr über die fremden Kulturmuster erfahren, kann die Kommunikation verbessert werden. Wichtig ist die Offenheit für die Unterschiede, das sich Einlassen auf eine fremde Kultur bei gleichzeitigem Bewusstsein der Eingebundenheit in die eigene Kultur, aus der heraus wir das Verhalten anderer Menschen messen und die wir oft als die überlegene ansehen. Wie bei Ying und Yang, Sonne und Schatten, hat jede Eigenschaft unseres Gegenübers auch immer etwas Positives an sich. Wichtig ist, dass wir uns als Menschen begegnen und Freude daran haben.

