Die DDR-Schule in Peking


Nach Schließung der deutschen Schule Ende 1945 existiert für einige Jahre kein organisierter deutscher Schulbetrieb in Peking. Eine zweite deutsche Schulgründung erfolgt vermutlich in den frühen 1950er Jahren durch die Abteilung Internationale Verbindungen des Ministeriums für Volksbildung der DDR als „Schule bei der Botschaft der Deutschen Demokratischen Republik in Peking“. Die Schule liegt innerhalb des Botschaftsgeländes und besteht bis 1990.
Informationen über sie sind allerdings nur lückenhaft überliefert. Das hier Dargestellte basiert auf Archivmaterialien des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts Berlin und des Bundesarchivs Berlin.

Die 50-er Jahre

Schon bald nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Oktober 1949 und dem Handelsabkommen im Oktober 1950 entsteht für die Mitarbeiter der Botschaft und der Handelsvertretung der Bedarf an deutscher Schulausbildung am Entsendungsort, und die Pekinger Schule konstituiert sich als eine von 12 Auslandsschulen der DDR. Die meisten dieser Schulen stehen in Verbindung zu sowjetischen Schulen als weiterführenden Einrichtungen zum Abschluss der höheren Klassenstufen. In Peking können die Schüler die Schule in der Sowjetischen Botschaft als weiterführende Schule besuchen und dort, unterstützt mit deutschem Zusatzunterricht in der DDR-Botschaft, die Hochschulreife erlangen. Allerdings wird dieses Angebot nicht dauerhaft genutzt, denn die geringe Schülerzahl der DDR-Schule führt nicht jährlich zu Oberstufen- und Abschlussjahrgängen. Obendrein wird der Unterricht an der sowjetischen Schule aus politischen Gründen über manche Jahre hin ausgesetzt.


Die 60-er Jahre

Mindestens seit Ende 1961 hat die Schule auch einen Kindergarten (auf dem Gelände der DDR-Handelsvertretung unweit des Ritan-Parks) und ist zu dieser Zeit nach der Moskauer Schule die zweitgrößte Auslandsschule. Die Moskauer Schule hat 32 Schüler in den Klassen 1 bis 4, die Pekinger Schule führt Ende 1961 als einzige DDR-Auslandsschule vom 1. Schuljahr über die Klasse 4 hinaus und reicht bis zur Klasse 8. Sie besitzt zu diesem Zeitpunkt 28 Schüler in vier jahrgangsübergreifenden Klassen und vier Lehrer.

Im Oktober 1965 wird mit der Gründung eines Hortes die Ganztageserziehung eingeführt. Die Hortkräfte sind mit Vollzeitverträgen von 45 Wochenstunden angestellt. Einmal wöchentlich veranstalten die Lehrer einen Pioniernachmittag.

In den folgenden Jahren, während der Kulturrevolution und dem Abkühlen der Beziehungen zwischen der DDR und China, reduziert sich die Größe der Schule. Im September 1969 wird die Schule jedoch wieder um die Klassenstufen 5 und 6 erweitert, in der zunächst 6 Schüler, davon zwei Externe, unterrichtet werden. Optimistisch wird steigender Bedarf am Unterricht in diesen Klassen vermutet. Die Ursachen liegen trotz dauerhaft schwacher politischer Beziehungen in der Zunahme von Mitarbeitern besonders bei der handelspolitischen Abteilung und in der zeitweiligen Auflösung der sowjetischen Schule in Peking, die damit als weiterführende Schule für DDR-Schüler wegfällt.


Die 70-er Jahre

Zum Schuljahresbeginn im September 1971 arbeiten der Schulleiter, zwei Lehrerinnen und zwei Erzieherinnen an der Schule, zwei weitere Kolleginnen im Kindergarten.

Mitte der 70er Jahre können die Schüler auch wieder in den internationalen Teil der sowjetischen Schule wechseln, wo sie am Unterricht in russischer Sprache teilnehmen. Vorbereitend wird diesen Schülern an der DDR-Schule zwei Jahre lang zusätzlicher Russisch-Förderunterricht angeboten. Dementsprechend ist für die Neubesetzung der Schulleitung im September 1974 ein Pädagoge mit der Qualifikation für das Fach Russisch erforderlich. Deutscher Schulunterricht ist auch bei ausländischen Familien beliebt, dies aber ist mitunter belastend im Alltagsbetrieb. Vor allem nachdem ihre Kinder den deutschen Kindergarten besucht haben und über gute Deutschkenntnisse verfügen, wünschen manche Familien aus anderen sozialistischen Staaten die Aufnahme ihrer Kinder in die deutsche Schule, denn diese Kinder brauchen dann nicht die russische Sprache für die Einschulung an der sowjetischen Schule zu erlernen. Schließlich berichtet Botschafter Liebermann im April 1977 nach Berlin: „Den Botschaftern der engbefreundeten sozialistischen Staaten habe ich kameradschaftlich und offen dargelegt, daß […] wir nicht in der Lage sind, zukünftig weitere ausländische Kinder aufzunehmen.“

Fundamentale Einschränkungen des Schulbetriebs bringt 1979 die von China angeordnete Umstellung des bisher nichtkommerziellen Zahlungsverkehrs auf konvertierbare Devisen mit sich: Die Deckung der laufenden Kosten bereitet der Botschaft plötzlich enorme Schwierigkeiten, und die Berliner Ministerien unterbreiten der Botschaft schon im Februar 1979 eine Reihe von Sparvorschlägen, vor allem im Bereich Personal und Dienstreisen. Davon betroffen ist auch die Schule, für die vorgeschlagen wird: Kinderkrippe und Kindergarten könnten bestehen bleiben, die Schule jedoch sollte künftig nur noch bis Klasse 4 statt bis Klasse 6 unterrichten, womit die Delegierung eines Lehrerehepaares eingespart werden könne. Bei der Entsendung von Mitarbeitern solle mitbedacht werden, dass der Besuch der sowjetischen Schule schrittweise reduziert wird. Schulleiterin Weinhold meldet im April 1979 an das Ministerium für Volksbildung, dass 1982/83 die letzten deutschen Schüler die UdSSR-Schule abschließen. Auch brauche der Kindergarten künftig keine Planstelle mehr.


Die 80-er Jahre

So hofft das Außenministerium auf Kostenreduzierungen beim Schulbesuch der sowjetischen Schule und, wesentlich gewichtiger noch, ab 1983 durch das Einsparen einer deutschen Lehrerstelle mit Qualifikation für den Unterricht in den Klassen 5 bis 12. Diese Lehrerstelle ist bisher erforderlich, weil die DDR-Schüler ergänzend zum Besuch an der sowjetischen Schule deutschen Zusatzunterricht in Staatsbürgerkunde, Geschichte und Deutsch in der Botschaftsschule erhalten. In den nächsten Monaten werden anscheinend einige Beratungen über die neue Situation in Peking erforderlich. Denn am 12. September 1979 fragt Außenhandelsminister Horst Sölle brieflich bei Außenminister Oskar Fischer an, wie es mittlerweile um die Fortführung des Schulbetriebs bestellt sei. Er schreibt, dass sieben Kinder im Bereich Außenhandel und Seetransport von der Reduzierung betroffen würden. Deren Unterbringung in der Heimat würde außerordentliche Schwierigkeiten bereiten, und ein Kaderaustausch in so kurzer Zeit sei undurchführbar. Er bittet Minister Fischer um die Aussetzung der Klassenstufenreduzierung für zwei Jahre und um die unbefristete Beibehaltung des anschließenden Besuchs der UdSSR-Schule. Dem Minister für Volksbildung Margot Honecker gibt Minister Sölle sein Anliegen zur Kenntnis. Außenminister Oskar Fischer antwortet ihm am 19. Oktober, es habe eine erneute Prüfung der Angelegenheit mit dem Ministerium für Volksbildung gegeben. Die Vereinbarungen der Arbeitsgruppen des Außenhandelsministeriums, des Auswärtigen Amts und der Pekinger Vertretung sähen vor, die Schule ab dem Schuljahr 1980/81 nur noch bis zur Klasse 4 zu führen und den anschließenden Wechsel in die Schule der UdSSR einzuschränken. Das Ministerium für Volksbildung habe sich dieser Entscheidung uneingeschränkt angeschlossen. Minister Fischer führt weiter aus, dass Botschafter Liebermann zwei Wochen zuvor, am 5. Oktober, dem Auswärtigen Amt geschrieben habe, in der Parteiorganisation und im Kollektiv der Pekinger Botschaft sei „über die Notwendigkeit dieser Maßnahme politisch-ideologische Klarheit erreicht worden“. In der Botschaft seien die Vorbereitungen zur Umstellung auf eine vierklassige Schule bereits eingeleitet. Minister Fischer schlägt daher seinem Kollegen Sölle vor, die vereinbarte Festlegung nun zu realisieren, und regt an, die Eltern mögen ihre Kinder besonders bei schwächeren Leistungen alternativ in das Internat in Königs Wusterhausen bei Berlin zu geben, das hervorragende Bedingungen biete und in der Lage sei, kurzfristig die benötigten Plätze bereitzustellen.

Den deutschen Familien liegt aber die Weiterführung des Unterrichts in Peking am Herzen. Und Botschafter Liebermann schreibt am 3. Oktober einen Brief an das Ministerium für Volksbildung, der im deutlichen Widerspruch zu seinem (nicht vorliegenden) Schreiben vom 5. Oktober steht, auf das Minister Fischer sich wie oben erwähnt bezieht. Liebermann teilt dem Leiter der Abteilung Kader des Ministeriums für Volksbildung mit: Die Schulleitung, der Elternbeirat und die Grundorganisation der SED an der Auslandsvertretung Peking stellten einvernehmlich fest, dass durchaus aller geforderter Zusatzunterricht für die Anbindung der höheren Klassen an die sowjetische Schule gewährleistet werden könne. In einer detaillierten Aufstellung legt Botschafter Liebermann dem Ministerium für Volksbildung dar, wie die Anforderungen der Richtlinien von fachlich qualifizierten Mitarbeitern erfüllt werden, wenn lediglich einige Arbeitsverträge modifiziert würden. Die anliegende Auflistung der geeigneten Mitarbeiter benennt sechs Ehepartner, Botschaftsmitarbeiter und Lehrerkollegen. Gleichzeitig bittet Liebermann um einen neuen Schulleiter mit Oberstufen- statt Unterstufenqualifikation, damit die Leitung und Aufsicht des Zusatzunterrichts gewährleistet wird. Es hat den Anschein, dass hier ein gemeinsames Engagement von Schule, Botschaftsmitarbeitern und Botschafter Liebermann besteht, das sich mit den Zielen des Außenhandelsministers verbindet, den Plänen des Außenministeriums aber eher entgegensteht.

Die aktuellen Schülerzahlen im September 1979 für die Klassen 1 bis 6 sind: 1, 8, 3, 6, 4 und 2 Schüler. Die sowjetische Schule besuchen in den Klassen 8 bis 12: 3, 2, 2, 1 und 2 DDR-Schüler. Den Kindergarten besuchen 7 Kinder.

Chinas Öffnung zum Westen, engere Kontakte zur BRD bei gleichzeitiger Abnahme der Beziehungen mit der DDR bereiten der Schule gleichzeitig noch zusätzliche Probleme. Neben den finanziellen Sorgen sprechen nun auch sicherheitspolitische Gründe für die Reduzierung des Unterrichts. Sie formuliert einige Monate später der Staatssekretärsausschuss und plädiert dafür, den UdSSR-Schulbesuch nur noch für solche Mitarbeiterkinder anzubieten, die bis August 1980 ausreisen: Die aktuelle chinesische Entwicklung verstärke „die politisch-ideologische Diversion seitens des Klassengegners“.

Beim UdSSR-Schulbesuch und in der Freizeit seien Kontakte zu Gleichaltrigen aus kapitalistischen Ländern und Jugoslawien unvermeidlich, die gemeinsame Unterbringung der Ausländer und gesonderte gastronomische Einrichtungen vergrößerten dieses Problem. Trotz vorbeugender sicherheitspolitischer Maßnahmen bestehen Auseinandersetzungen mit Eltern, deren Kinder unkontrollierte Beziehungen mit Kindern aus kapitalistischen Ländern unterhalten. Chinas Öffnung nach Westen beeinflusse die Jugendlichen durch kapitalistisches Gedankengut in Wort, Bild und Schrift. Unverhältnismäßig großen Aufwand erzeuge der UdSSR-Schulbesuch überdies wegen des Zusatzunterrichts durch hochqualifizierte Lehrkräfte aus der DDR und den individuellen Transport der Schüler mit Bussen und PKW.

Die Situation des Schulstandorts Peking verschlechtert sich mit den wirtschaftlichen Beziehungen. 1982 bezeichnet der Rechenschaftsbericht der Grundorganisation der SED das Geschäftsergebnis von 1981 als unbefriedigend: Die Abkommensverhandlungen im April 1981 hätten einen Rückgang von ca. 50 Prozent gegenüber 1980 erbracht. Dennoch sei das Ziel des 10. Parteitags realisiert, indem die „kommunistische Erziehung unserer Schüler der 1. bis 12. Klasse in der vollen Lehrplanerfüllung trotz Vierstufenunterrichts“ gesichert sei. Die pädagogischen Hauptanliegen bei der politisch-ideologischen Arbeit, so wird explizit ausgeführt, seien weiterhin: die Liebe zur sozialistischen Heimat herauszubilden und zu festigen, die Freundschaft zur Sowjetunion und den anderen sozialistischen Staaten zu vertiefen und zur aktiven antiimperialistischen Solidarität zu erziehen.  Im Herbst 1982 besuchen 9 Kinder die Krippe und 11 den Kindergarten. Die Schülerzahlen für die Klassen 1 bis 4 sind: 3, 6, 3 und 2. Zusatzunterricht in Klasse 6 erhalten 2 Schüler, eventuell jeweils ein weiterer Schüler in Klasse 7 und in Klasse 10.

Einige Jahre später, im Herbst 1987, ist die Beziehung zur sowjetischen Schule wieder gefestigt. Der Bericht der Grundorganisation der SED an der Botschaft vermerkt, dass Ende Oktober die 1. Klasse der sowjetischen Schule die deutsche Schule besucht habe und die Turnhalle der UdSSR-Schule regelmäßig zur Verfügung stehe. Inwieweit der Folgeunterricht dort stattfand, ist nicht gewiss. Der Bericht verzeichnet lediglich die Umstellung des Übergangs von der Polytechnischen Oberschule zur EOS nun nach der 10. Klasse statt wie zuvor nach der 8. Klasse.

Zuletzt besitzt diese Schule ungefähr 25 Schüler. Nach der Wiedervereinigung werden die Schüler in die Deutsche Botschaftsschule integriert. Teile des Mobiliars und einige Unterrichtsmaterialien gehen in das Eigentum der Deutschen Botschaftsschule über.


Andreas Wistoff, andreas.wistoff ät dspeking.cn

KMK

Deutsche Botschaftsschule Peking

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12/9/2016

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