Deutscher Verfassungsrichter zu Gast an der Peking Universität
Professor Udo di Fabio referierte über die „Kultur der Freiheit“
&„Liebe“ hieß das erste Zauberwort. Elterliche Liebe, kindliche Liebe, partnerschaftliche Liebe.
Die Liebe - sicherlich keine originär juristische Kategorie wie Schuld, Besitz, Delikt und
Verantwortung – als Antwort auf die Ausgangsfrage: „Was macht das Fundament der Kultur der
Freiheit aus?“ Nicht der Wille zur Macht, da ließ der Verfassungsrichter Udo di Fabio keine
Zweifel, nicht die Idee der Gleichheit, nicht die Segnungen der Konkurrenz, nein: die Liebe,
oder noch besser: eine Kultur der Liebe, die Freude an der Ästhetik und die Lust auf Bildung inbegriffen.
Zu Beginn seines fast einstündigen Vortrags in der Peking Universität, Abteilung Deutschlandstudien,
hatte der hochkarätige Karlsruher Jurist deutlich skizziert, worin seines Erachtens die Gefährdung
der Freiheit besteht: in schrankenlosem Egoismus, rücksichtslosem Handeln, bodenloser Selbstüberschätzung,
blindem Erfolgsstreben, grundlosem Relativismus und fehlender Wachsamkeit gegenüber Fundamentalismus jeder Art.
Die Freiheit scheint per se gefährdet, prinzipiell, auch und gerade in einem hochmodernen Land
wie der Bundesrepublik Deutschland mit seinem umtriebigen Innovationsgeist./p>
Unmissverständlich machte di Fabio, der in Peking als Gast der Konrad-Adenauer-Stiftung auftrat,
in seinem facettenreichen Vortrag klar, dass er weder die starke Hand des Staates noch die
unsichtbare Hand des Marktes noch die mildtätige Hand des Sozialstaates für einen Garanten
der Freiheit hält. „Geld und Gesetz können die nötige Gemeinschaftlichkeit nicht schaffen,
sie dienen nur der Instrumentalisierung.“ Kleine Beispiele aus dem reichen Familienleben des
Richters zeigten, wo diese offene, aber eben nicht völlig freie Liebe im Disput um
Geltungsansprüche ihren Höhepunkt findet, fast wie bei Habermas..
Und die religiösen Heilslehren? Und die Kirchen? Davon mag di Fabio, so schien es, schon lange
nichts mehr hören. Zahm nennt er die christlichen Prediger, zahnlos sagt er nicht, dem Konsens
verpflichtet wie Politiker. Mit Blick auf Berlin und die Bundesrepublik war übrigens leicht
spöttisch vom „Konsenswahlkampf“ die Rede. Um so erstaunlicher, dass in der folgenden
Aussprache das chinesische Leitwort der „Harmonie“ nicht kritischer hinterfragt wurde von
diesem streitbaren Geist, der in Deutschland erst kürzlich die selige Internetgemeinde
aufgescheucht hat mit Worten gegen den Ungeist der verantwortungsfreien Anonymität.
Über China wollte di Fabio an diesem Abend nicht reden, das war zu spüren. Schwadronieren,
das wäre nicht nach Art dieses blitzgescheiten Redners. So ließ er es auf Nachfrage mit einem
Hinweis auf die zu beklagenden Menschenrechtsverletzungen gut sein, wohl wissend, dass es mit
universellen Menschenrechten so seine Tücken hat, wenn Taten folgen sollen.
Dass ihn seine Liebe zu den USA wenigstens auf einem Auge sehschwach gemacht hat, überraschte.
Familien und Religionsgemeinschaften bilden dort, so di Fabio, ein gutes Fundament, um den
Gefährdungen der Demokratie entgegenzuwirken. Kam hier der so gepriesene „Eigensinn“ durch,
das zweite Zauberwort? Es ist schließlich eher unüblich geworden,
solche Liebeserklärungen an
den selbsternannten Weltpolizisten zu formulieren.
Hoch erfreut zeigte der Referent sich darüber, dass die DSP gleich mit einem Bus voller Schüler
und Lehrer angerollt war. Welche Hürden am Tore des Universitätsgeländes zu überwinden waren, um
zum Ort der Freiheitsrede vorzudringen, dürfte der Experte für die „Kultur der Freiheit“ kaum ahnen.
Volkmar Heuer-Strathmann
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